Onlinetagebuch zur Expedition durch die rumänischen West- und Südkarpaten

6.Woche

 

Apuseni Nationalpark; Bihor Gebirge; Zarandului Gebirge; Poiana Rusca; Retezat Nationalpark; Lotru Gebirge; Fagaras;  Piatra Craiului Nationalpark 
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30. September

Das Wetter wird gut und ich hoffe, dass es die nächsten Tage so bleibt. Thomas und Regina verlassen uns gegen 10 Uhr mit Gruia der die Beiden nach Sibiu zum Flughafen bringt. Sabine und Axel fahren erst gegen 14:00. Axel war vorher noch unterwegs um den platten Reifen reparieren zu lassen.

Um 13:30 kommen Valeska und Jannik um sich mit mir über Möglichkeiten für den Ökotourismus in den rumänischen Karpaten zu unterhalten. Sie sind aus München und wollen sich so eine neue Existenz aufbauen. Mal sehen was sich daraus noch ergeben wird.

Am Vormittag hatte ich Martin und Mona gebeten, doch mal nachsehen zu gehen, ob ei irgendwo frische Bärenspuren finden. Haben sie unweit vom Lager und so konnten wir einen kurzen Spaziergang zu diesen Spuren machen.

Ca. um 14:00 rief Dorothee an, dass sie heute nicht ankommen wird, weil sie erst am frühen Morgen aus Hamburg losfahren konnte.

Nun wir werden morgen schon, bei guten Wetter den höchsten Berg in Rumänien erreichen, hoffentlich. Dann werden wir übermorgen dafür sorgen, das Dorothee mit Robert und dem Hund Kira von Gruia oder Antonio zu uns in die Berge geführt werden.

1. Oktober

Es wurde recht warm in der Nacht und am Morgen hatten wir strahlend blauen Himmel. Perfekt für die Berge. 

Obwohl wir eigentlich um 9:00 schon fertig sein wollten kamen wir erst nach 10:00 vom Lager. Ich selber wollte den ganz neuen Rucksack mit über 100 Liter Volumen testen. Ich packte in voll und er wog am Ende gute 25kg, da ich einen großen Teil des Gepäcks selber genommen habe. Um 11:00 waren wir oben auf 2020m am See Balea Lac. Von hier wollten wir nun starten, direkt steil den Berg hoch auf ca. 2300m. Von hier geht es im Prinzip stur nach Osten, zunächst wieder runter zum nächsten See, an dem wir eine kleine Pause einlegen. In kurzer Hose und T-Shirt wandere ich, so warm ist es und eine herrliche Fernsicht dazu. Zum ersten Mal auf der gesamten Tour habe ich das Gefühl wir sind in einem touristischem Bergwandergebiet. Wir treffen regelmäßig Wanderer und alle Wegen sind sehr gut markiert. Das Fagarascher Gebirge ist eines der wichtigsten Wanderregionen in Rumänien.

Es gibt zwei Wege die zum Moldoveanu, dem höchsten Berg Rumäniens führen. Einer geht über den Grad mit fixierten Seilen und Leitern, der Andere etwas tiefer über die die seitlichen Kämme und Täler. Wegen der Shira und weil mir Martin und Mona nicht trittsicher genug sind, nehmen wir den tieferen Weg, der aber wegen der ständigen Ab- und Anstiege recht anstrengend ist. Auf fast jeden Kamm und Tal legen wir eine Pause ein. Trotzdem sind wir sogar schneller, als ein anderes Wanderpaar.

Gegen 15:00 steigen immer mehr Wolkenfetzen und Nebelschwaden auf  und nehmen uns die Sicht.

Gegen 17:00 erreichen wir den letzten Kamm direkt über der Berghütte mit einem See. Da wir gerade so schön in der Sonne sind, und es am See sehr schattig aussieht bleiben wir fast 30min oben und genießen die Abendsonne. Dann steigen wir ab und finden zwei Plätze für unsere Tarps am See. Wir lagern auf etwa 2150m Höhe. Mona ist sichtlich erschöpft. Bis zum höchsten Berg haben wir es nicht geschafft, dafür sind wir 2 Stunden zu spät los und kommen nicht schnell genug voran. Luftlinie sind wir nur etwa 4km weit gelaufen. 

 

2. Oktober

Es wird kalt in der Nacht mit leichtem Bodenfrost und nur wenige Wolken sind am Himmel. Wie auch gestern müssen wir direkt wieder auf den Kamm hoch. Als wir an der Hütte vorbei kommen frage ich die Hüttenwirtin, warum denn hier überall der Müll herum liegt und keine Tafel aufgestellt werden um die Leute zu bitten ihren Müll wieder mitzunehmen. Sie antwortete eher sehr wenig konstruktiv und wartet darauf, dass irgendjemand kommt und dafür sorgt. Sie selber sah sich nicht in der Verantwortung und schien sich nicht daran zu stören, dass rund um ihre Berghütte lauter kleine Müllplätze sind.

Ich gebe dass Gespräch auf und folge Markus, Mona und Martin auf den Kamm. Heute will Antonio mit Robert und Dorothee zu uns stoßen. Das bedeutet, dass wir bis zu  einem bestimmten Treffpunkt laufen müssen, oberhalb vom Sambata.

Zunächst steht jetzt aber der Moldoveanu, der höchste Berg Rumänien mit 2544 m an. Im Wesentlichen könne wir dem Kammverlauf folgen, der aber auch auf und ab geht, bis wir vor dem steilen 250m Anstieg zum Gipfel stehen. Von unten sieht es so aus, als ob der Bergweg, direkt auf einem Grat hochführt. Doch am Ende ist es halb so wild, und Mona, die etwas Höhenangst hat schafft es auch. SO stehen wir um 13:00 auf dem Berg und Martin läuft noch bis zur Topspitze hoch, die 400m weiter ca. 20 m höher ist. Ein kühler Wind kommt auf und nach der Mittagspause geht es ziemlich steil runter. Diese steilen Abstiege bereiten der Mona Probleme und wir kommen eigentlich eher langsam voran. Noch mehr Probleme bekommt Mona, weil es noch immer ständig rauf und wieder runter geht. Sie ist mir ihrer Kraft ziemlich am Ende. Ich muss es ihr aber zugestehen, sie gibt alles was sie kann. Ca. um 15:45, als ich davon ausgehen konnte, dass es keine gefährlichen Passagen mehr gab, wollte ich vorauseilen, um Antonio am Treffpunkt abzupassen, da ich befürchte, dass wir es heute nicht bis dorthin schaffen werden. Ein weiteres Problem kommt dazu, denn wir finden lange kein Wasser, bis auf eine kleine Pfütze von der wir dann das Wasser mit dem Filter abpumpen können. Im Laufschritt beeile ich mich mit 25kg auf dem Buckel zum Treffpunkt zu kommen. Es weht ein sehr kalter starker Wind und der Nebel wird immer dichter, wodurch ich nichts mehr sehen kann. Schon sehr bald fange ich an zu fluchen, weil es noch immer nur 150m rauf und wieder runter geht. Es wird mir beim laufen ganz klar, dass Mona und Martin es niemals bis zum gelangten Treffpunkt schaffen. Vom Jürgen erfahre ich dann per SMS, dass Antonio, mit Gruia und Dorothee und ihrem Sohn Robert erst nach 14:00 losgewandert sind. Damit wird mir klar, dass ich vor denen am Treffpunkt sein werde. Dort angekommen und nach einer kurzen Verschnaufpause lasse ich Shira und den Rucksack dort und wandere Markus, Mona und Martin entgegen.

Ich hatte Glück, denn kaum war ich den ersten Hügel wieder oben klärte sich alles auf und ich sah unter mir einen möglichen Lagerplatz mit Wasser und konnte gleichzeitig auf der anderen Seite Shira beobachten. Als ich Markus sah, wie er gerade den Hang runter geht rufe ich ihm zu, dass wir dort unten unser Lager aufschlagen werden, als es wieder völlig nebelig wurde. Von Markus erfahre ich dann, das Mona schon oben aufgeben wollte, völlig fertig ist, jetzt aber den Hügel runter kommt. Ich laufe schnell wieder zurück zur Shira um jetzt auf Neuankömmlinge zu warten. Kaum bin ich da, höre ich Stimmen aus dem Tal und erkenne zwei Personen auf dem Wanderweg. Antonio kommt nur mit Robert, der allerdings ebenfalls sehr erschöpft aussieht. Dorothee hat beim Anstieg aufgegeben und Gruia ist mit ihr zum Auto zurück.

Ich führte dann alle ins gemeinsame Camp, wo Mona schon wirklich müde aussehend im Schlafsack liegt. Wir bereiten das Essen und der kalte Wind und die Dunkelheit treiben uns noch vor 21:00 in unsere Schlafsäcke.

3. Oktober

Mona und Martin entscheiden sich abzusteigen. So geht Antonio mit den zweien wieder runter. Robert, der in der Nacht nicht gut geschlafen hat, will auch wieder runter, doch Markus und ich können ihn davon überzeugen nicht aufzugeben, nur weil es mal anstrengend und ungemütlich war. Ein Teil seiner Ausrüstung war im Rucksack seiner Mutter, so helfen wir ihm aus, damit er Essbesteck, Tasse und einen warmen Pullover bekommt. Wir verabschieden uns und folgen unserem Bergpfad. Am Vormittag scheint die Sonne, aber der Wind ist kühl. Wie schon die ganze Zeit, pendeln wir zischen 2000m und 2300m Höhe, doch die Wege werden leichter und weniger steil. So kommen wir dann zügig voran.

Robert hat gar keine Probleme mitzuhalten mit seinen 17 Jahren. Wir finden wie an den vergangenen Tagen immer mal wieder eine alte Losung von Wölfen und manchmal vom Bär und näher uns allmählich den Gebieten die ich Teilweise von meiner Telemetriearbeit her kenne. Um 17:00 sind wir vor dem letzten 2300m Gipfel Berevoescu Mare. Ich schlage vor, dass wir schon hier das Lager aufschlagen, obwohl jeder von uns noch weiter laufen könnte. Der Grund dafür war, dass wir hier Wasser hatten und ich, wie sich später heraußtellen sollte, die Reststrecke bis zum Piatra Craiului (Königstein) völlig unterschätze.

Jedenfalls haben wir eine schönes Lager, Wasser ist in der Nähe, wir müssen es allerdings abfiltern. Ein recht starker Wind pfiff über die Kuppe und wir bauten unser Tarp hinter einer Bodenwelle auf. 

Das Kloster Sambata

 

 

4. Oktober

Wir genießen den Sonnenuntergang und schlafen irgendwann ein. Gegen 23:00 wache ich auf. Der Wind scheint sich zu drehen und kommt immer öfter mit leichten Böen von vorne. Dann gegen Mitternacht wird der Wind stärker und ich entscheide mich dazu, dass wir das Tarp umbauen. Auch der Markus wird wach, und in Unterhose und T-Shirt stellen wir uns in den Wind und wurschteln am Tarp herum, während Robert gemütlich weiter schläft.

Die ganze Nacht rüttelt der Wind am Tarp, aber alles bleibt stehen. Gegen 7 Uhr stehe ich auf und wandere mit Shira zum Wasser. Auf dem Weg findet Shira ganz frische Losung vom Wolf, von zwei Wölfen. In der Nacht sind tatsächlich Wölfe hinter unserem Tarp vorbeimarschiert. Vielleicht war das der Grund warum Shira in der Nacht geknurrt hat.

Unser Lager ist auf über 2200m Höhe unterhalb des Berevoesco Mare.

Strahlend blauer Himmel mit einer klaren Fernsicht am früher morgen garantieren uns einen schönen Tag. Wir um runden den Berg und beginnen nun den Abstieg zum Treffpunkt mit allen anderen inklusive dem Backup Team. Der Treffpunkt liegt auf einem Sattel direkt am Rand vom Nationalpark Piatra Craiului. Meine Wanderkarte hört auf, nachdem wir den Wald erreicht haben. Am gestrigen Abend hatte ich noch gesagt, dass es nicht mehr sehr weit sei. Welch ein Irrtum, ich hätte doch nochmals einen Blick auf eine Wanderkarte werfen sollen, die den vor uns liegenden Abschnitt zeigt. Der Kammweg vom Fagarasch bis Piatra Craiului schwankt zwischen 1600m und 1400m, einfach ausgedrückt es geht ständig auf und ab und zieht sich trotz hohem Wandertempo sehr lang. Weil wir in Rumänien sind, sollte man beim wandern niemals denken, es wird einfach. Der Weg war teilweise mit Wacholder zugewachsen und durch mehrer kleinere Windwürfe waren wir immer wieder gezwungen einen Weg durch die umgefallenen Bäume zu finden oder den Kammweg zu verlassen und seitlich am schrägen Hang uns durch junge Fichten und Gestrüpp zu  kämpfen. Eigentlich war geplant, dass die Anderen uns entgegen kommen würden.

Markus, Robert und ich wir haben wegen Erschöpfung und dem unerwarteten schwierigem Weg geflucht wie Rohrspatzen. Als wir die Kammspitze Tamasului auf knapp über 1600 erreicht haben, habe ich Jürgen angerufen und gefragt, ob Gruia oder Antonio zu uns stoßen können, um eventuell einen Rucksack übernehmen zu können. Markus und Robert haben mich entsetzt angeschaut, da wurde mir klar, dass wir niemanden benötigen der uns hilft und wir eher auf dem Zahnfleisch kriechend im Lager ankommen, als den Ruckssack abzugeben. Hätte ich mir denken können.

Jedenfalls kamen wir gegen 17:30 im Lager an, nach einem weiteren Kampf durch umgefallene Bäume. Der Sattel war nicht ideal, aber wir konnten hier lagern. Allerdings mussten war das Wasser ca. 20min entfernt. 10min nachdem wir angekommen waren hatten wir uns alle schon wieder erholt bauten das Lager auf, während Jürgen, Antonio, Gruia und Dorothee zur Quelle laufen. Ein Lager mitten im Wald und es war recht warm.

Lebensmittel hängen wir in den Baum, wegen der Bären.

Unser Lager im Wald auf dem Kamm

Unsere Aussicht am Morgen

5. Oktober

In der Nacht war es etwas unruhig weil mehrfach Wildtiere unser Lage rumgehen mussten und die Hunde angeschlagen hatten. Nach dem Frühstück haben wir uns getrennt. Markus und ich wollten direkt nach Plaiul Foii gehen und von dort weiter zur Wolfshütte mit Poiana und Crai. alle anderen wollten seitlich am Piatra Craiului über die Berghütte Spirlea nach Plaiul Foii absteigen, und dann mit dem Wagen nachkommen.

Markus und ich hatten eine sehr gemütliche Wanderung bei herrlichem Wetter entlang dem Piatra Craiului bis zur Wolfshütte durch das Burzental. Dort warteten Poiana und Crai, die beiden zahmen Wölfe über die ich mein aktuelles Buch geschrieben habe auf uns. Wir lagen uns auf die Wiese vor den Wölfen und genossen den warmen "Indian Summer".

Heute ist als Ausklang der Expedition eine Grillparty an der Hütte von Gigi Popa geplant, die genau gegenüber unterhalb von Piatra Craiului gegenüber von der Wolfshütte steht. Als wir uns gerade auf den Weg machen wollten um rüber zu gehen, kamen die Anderen  mit dem Wagen. Martin und Mona, die sich in der Pension von Gigi Popa einquartiert hatten warteten schon auf uns.

Gigi hat uns einen tollen Ausklang beschert mit rustikalem Grill und Musik.

Mit Einbruch der Dämmerung bauten wir unser Lager an der Burzen auf. Für den morgigen Tag, dem letzten Tag der Expedition war geplant bis in die Schlucht vom Piatra Craiului "Prapestilor Zarnestilor" zu wandern. Zu dem Punkt, an dem ich am 1.April 2005 meine erste Expedition gestartet habe. Damals war Markus ebenfalls dabei.

6. Oktober

Die Nacht war extrem unruhig. Unweit von uns war eine Schäfercamp. Dort haben die Hunde ständig gebellt und die Schäfer hatten wohl eine Party und waren sehr laut.

Ich habe nur im Biwaksack geschlafen. Gegen 3 Uhr morgens fing es kurz leicht an zu regnen. Um 5 Uhr regnete es erneut, diesmal schon stärker für 1,5 Stunden. Kurz vor 7Uhr bin ich dann aufgestanden. Ich hatte gerade meine Zähne geputzt und hatte überlegt zur Sicherheit ein Tarp aufzustellen, als es wieder zu regnen begann, jetzt aber richtig. Ich befestigte schnell das Extrem Tarp von Exped am Wagen, so dass wir halbwegs trocken Frühstücken konnten. Um 9 Uhr wollte ich die letzten 10km bis zur Schlucht in Angriff nehmen. Mein Biwaksack mit Schlafsack lag noch im regen, darum machte ich mir aber keine Gedanken, denn der hält dicht.

Kurz vor 9:00 kamen Martin und Mona aus Zarnesti anmarschiert, wie angekündigt. Kurz nach 9 machten Markus, Gruia, Martin, Mona und ich mich auf den Weg durch den Regen bis zur Schlucht. Erst als wir die Schlucht erreichten hörte es auf zu regnen. Dann kam auch Jürgen und Dorothee und holten uns mit den Fahrzeugen ab.

Vor etwa 1,5 Jahren bin ich in der Schlucht bei -15°C und Sonnenschein losgewandert um die Nordkarpaten und die Mittelgebirge bis nach Deutschland auf über 2000km Länge kennen zu lernen.

Jetzt habe ich die Westkarpaten und Südostkarpaten durchwandern. Damit habe ich in den rumänischen Karpaten eine Gesamtstrecke von über 1000km zurück gelegt. Insgesamt bin ich mit meinen drei Expedition über 3000km gewandert. Dabei habe ich viel erlebt und gesehen kann mir ein Bild machen vom ökologischen Zustand, von Barrieren und Korridoren aber auch von den touristischen Infrastrukturen von positiven und negativen Elementen. Darüber werde ich nun einen Bericht schreiben, denn gleichzeitig haben wir über weit 10.000 Bilder gemacht.